GELBE ROSEN FÜR MAMA!

Es war ein freundlicher Tag gewesen, leicht und hell wie nur ein Frühsommertag sein konnte. Aber die heitere Stimmung erreichte sie nicht. Sie fröstelte. Seitdem sie hier lebte war ihr eigentlich immer kalt. Sie seufzte tief, und so zog sie sich in Gedanken versunken die Decke etwas höher.

Was war noch übrig, fragte sie sich. Geblieben waren ihr nur die Erinnerungen und ihre Träume. Sie war eine Erinnerin und eine Träumerin geworden in diesen Jahren. Da stellte sie sich wieder her an den freundlich-kühlen Tagen im Heim, das ihr kein Zuhause sein konnte, mit den freundlich fremden Menschen um sie herum, deren Aufgabe es war, sie zu versorgen. Mit einem leisen Lächeln stieg die Bitterkeit in ihr auf. Und sie wartete. Während sie sich erinnerte, wartete sie auf den Besuch ihres einzigen Sohnes, darauf, dass alles wieder gut würde.

Ihr Blick heftete sich am Spiegel fest. Stumm sah sie in ihre Augen. „Sagt mir etwas Freundliches, sagt mir, dass ich noch eine von Euch bin, dass ihr kein Erbarmen mit mir habt.“ Nun sangen es auch ihre Augen, dieses entsetzliches Lied der vergessenen Alten, das Lied derer, die sich offenbar selbst überlebt hatten. Sie kannte diesen beinahe flehentlichen Blick alter Menschen, doch seine Bedeutung lernte sie erst hier kennen. Aber ein flehentlicher Blick ist nicht leer, nur ein leerer Blick wartet auf den berüchtigten apokalyptischen Klepper, der den Geist durch die Abgründe des Entsetzens treiben würde.

Als die Schatten langsam länger wurden, dachte sie an ihren Sohn. Wie lange hatte sie ihn nicht gesehen? Nur das Foto auf dem Tischchen lachte sie an. Er ist so geschäftig, sie muss stolz auf ihn sein. Sie spricht viel von ihm. Und dabei bricht ihr das Herz, immer wieder, und sie fühlt sich tief in brechendem Eis.

Und heute hatte sie gehofft, noch stärker an diesem Sonntag als an den anderen, dass er kommen möge, vielleicht mit der ganzen Familie, und er hätte ihr einen Blumenstrauß überreicht, so wie er es früher immer getan hatte an jenem ganz besonderen Sonntag im Jahr. Und die Erinnerin hörte ihn sagen: „Gelbe Rosen für Mama,

GELBE ROSEN LIEBST DU DOCH SO SEHR. ALLES GUTE ZUM MUTTERTAG!“

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